Gesellschaft für Gregorianik-Forschung



 

Es ist kein Zufall, dass die Gedichte aus der „Consolatio“ des Boethius im Mittelalter immer wieder mit Neumen versehen wurden wie hier im sog. Ludwigspsalter (Staatsbibliothek zu Berlin PK, Ms. theol. lat. fol. 58, fol. 1 v., Ende 9. Jh.). Viele wussten damals noch um den boethianischen Ursprung des gregorianischen Gesangs.

Institut für Gregorianik-Forschung

Das Institut für Gregorianik-Forschung ist eine Einrichtung der Gesellschaft für Gregorianik-Forschung e.V., die sich auf die freie Mitarbeit von Wissenschaftlern aus verschiedenen Fachbereichen stützt. So arbeiten neben Musikwissenschaftlern, Musikern, Semiologen und Kryptologen auch Philologen, Byzantinisten, Historiker, Theologen und Kunstgeschichtler an der Erforschung des Epoche des Boethius mit.

Mit dem im Juni 2002 erschienenen ersten Band der Buch-Reihe „Schriften zur Gregorianik-Forschung“ liegen nun die ersten Forschungsergebnisse des Instituts für Gregorianik-Forschung vor, die von ganz neuen Theorien zur Entstehung dieser Gesangstradition ausgehen und damit im Gegensatz zur herrschenden Lehrmeinung stehen, die vor allem davon ausgeht, dass sich die gregorianischen Gesänge erst im Frankenreich des 8. Jh. herausgebildet haben.

Sebnem Yavuz und Manfred Dimde, die neben anderen das Institut für Gregorianik-Forschung ins Leben gerufen haben, gehen davon aus, dass es eine Urfassung von mystisch-spirituellen Gesängen mit tief greifender Wirkung gegeben hat, die von dem römischen Staatsmann und Philosophen Boethius im 6. Jahrhundert zusammen mit einer Gruppe Gleichgesinnter entwickelt wurden. Diese Gesänge wurden als eine spezielle Kunstform zur Kommunikation mit Gott konzipiert. Die Überwindung menschlicher Grenzen und das Einswerden mit der göttlichen Schöpfung waren dabei die hohen Ideale.

Da die boethianischen Gesänge damals aber inhaltlich dem Dogma der weströmischen Kirche widersprachen, kam Boethius in Konflikt mit Papst Vigilius und wurde zusammen mit seiner Gruppe gefangen gesetzt und hingerichtet. Die Gesänge wurden verboten, die Aufzeichnungen eingezogen und die Geschichtsschreibung entsprechend gefälscht. Einige Jahrzehnte später nahm Papst Gregor die boethianischen Gesänge auf und arbeitete sie zu den gregorianischen Gesängen um. Trotz der Umarbeitung gelangten diese erst im 8. Jahrhundert auf Initiative Kaiser Karls des Großen in die Liturgie der katholischen Kirche.

Wie sah nun diese Urfassung aus? Ist es nach so langer Zeit überhaupt möglich, die originale Version der Gesänge wieder herzustellen und das ursprüngliche mystisch-spirituelle Konzept wieder aufleben zu lassen? Wir halten es für durchaus möglich und die ersten Ergebnisse in dieser Richtung liegen bereits vor. Sie zeigen, dass die Rekonstruktion ein höchst lohnenswertes Unternehmen zu werden verspricht und bei dem ersten öffentlichen Auftritt der Gesellschaft für Gregorianik-Forschung e.V. am 7. November 2002 im Domforum in Köln bereits beeindruckende Hörerlebnisse geboten werden konnten.