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Auf dieser Abbildung
aus dem berühmten Einsiedelner Messantiphonar Abt Gregors (Codex 121 der
Stiftsbibliothek des Klosters Einsiedeln, Schweiz, Ende 10. Jh., Kolorierung
nicht original) sieht man ein Schachbrettmuster, in dem „IN DIE AD MISSAM“
zu lesen ist. Hat es lediglich die Funktion eines Lückenfüllers, da der
restliche Platz auf der Seite nicht mehr für die prachtvolle Initialie
„P“ des folgenden Introitus „Puer natus“ gereicht hätte? Oder ist hinter
dieser auffälligen Gestaltung etwas verborgen, das man nicht auf den ersten
Blick erkennen kann? Das Mittelalter ist bekannt für seine rege Geheimschriftpraxis.
Das Schachbrettmuster beispielsweise bot ein sehr geeignetes Feld für
einen Geheimcode. Könnte demnach diese Abbildung eine verschlüsselte Botschaft
enthalten? Wenn ja: Was hat der Schreiber hier möglicherweise vermitteln
wollen? Könnte es etwas mit den Gesängen zu tun haben? Sind hier vielleicht
Angaben zu einer
Lesart versteckt, die uns heute nicht mehr bekannt ist?
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Forschungsergebnisse
des Instituts für Gregorianik-Forschung
Nach unseren neuen
Theorien ist Boethius der Schöpfer der boethianischen
Gesänge, die später von Papst Gregor dem Großen
aufgegriffen, bearbeitet und in dieser veränderten Fassung dann als gregorianische
Gesänge tradiert worden sind. Auf Boethius gehen nicht nur der formale
Aufbau der Melodien, das inhaltlich-strukturelle Konzept und die später
so gennanten Kirchentonarten, sondern auch die Notation zurück, und zwar
sowohl die Verwendung der Neumenzeichen als auch die Buchstabennotation
sowie ein Liniensystem.
Die
boethanischen Gesänge wurden in einem Zeitraum von etwa 20 Jahren entwickelt,
es waren mystisch-spirituelle Gesänge mit tief religiösem Inhalt, die
bei einer entsprechenden Vorbereitung eine enorme Wirkung im Menschen
entfalten konnten. Die Überwindung menschlicher Grenzen und das Einswerden
mit der göttlichen Schöpfung waren dabei das hohe Ziel.
Wie
systematisch Boethius seine Gesänge entwickelt hat, zeigt schon ihre formale
Anlage. Die Melodien sind nach einer mathematischen Formel, die den goldenen
Schnitt beinhaltet, aufgebaut. Die Formel lautet: 3+2 Neumen. Mit „Neume“
kann dabei eine 1-tönige, 2-tönige oder 3-tönige Neume gemeint sein, so
dass ein Melodiebaustein mindestens aus fünf und maximal aus 15 Tönen
besteht.
Ähnlich klar durchstrukturiert ist der rhythmische Aufbau der Melodien.
Es ist keineswegs der Text, der den zeitlichen Ablauf vorgibt. Boethius
hat seinen Gesängen eine sehr differenzierte rhythmische Struktur gegeben,
die aus 1er-, 2er- und 3er-Elementen besteht. Er hat bevorzugt eine Einteilung
benutzt, die unserem heutigen 4/4-Takt entspricht, der selbstverständlich
natürlichen Schwankungen unterworfen war.
In
dieser Ordnung bilden Silbenwert und Notenwert räumliche und zeitliche
Einheiten, die in Wechselwirkung stehen. Die Wortsilbe ist als Grundeinheit
zu verstehen. Das Silbenmaß kann durch den Einfluss der ihr zugeordneten
Notenwerte variieren. Ihre Dauer lässt sich auf additive Weise verdoppeln
oder verdreifachen.
Die
Neumen bilden ebenfalls je eine Einheit. Grundwerte sind 1-tönige, 2-tönige
und 3-tönige Neumen. Im Gegensatz zur Addition der Silbenwerte wird die
Dauer der Noten durch Division ermittelt. Dabei können sich die Noten
um die Hälfte oder um ein Drittel ihrer Dauer verkürzen.
Die Umsetzung der Notenwerte erfolgt kombiniert mit dem Wertigkeits-System
der Formel 3+2 Neumen, so dass eine geschmeidige Rhythmik von abgestuften
geraden und ungeraden Notenwerten entsteht. Diese rhythmische Struktur
ist nicht ohne weiteres ersichtlich, da der Notentext der gregorianischen
Melodien weiterhin nicht aufgelöste Verschlüsselungen aufweist.
Das Tonartensystem wurde von Boethius ebenfalls systematisch entwickelt,
es gehörte zum Gesamtkonzept der Gesänge und bildete von Anfang an die
musiktheoretische Basis dieser Melodien. Es gab 13 Tonarten: 4 authentische,
4 plagale, 4 mediale und als Abschluss eine 13. Tonart. Der berühmte Irrtum
des Boethius, die Setzung von Dorisch auf den Ton D, ist keineswegs ein
Irrtum gewesen. Er legte zwar seinen Berechnungen tatsächlich statt der
Oktavgattungen die Transpositionsskalen zugrunde, aber dies tat er ganz
bewusst.
Für die Aufzeichnung seiner Gesänge verwendete Boethius ein Linienraster
mit eingeschriebenen Wortsilben, um den genauen Melodieverlauf anzugeben.
Die exakte Tonhöhe gab er mit davor notierten Tonbuchstaben an. Der Verfasser
der „Musica enchiriadis“ griff im 9. Jahrhundert dieses System auf, um
es in leicht geänderter Fassung mit Dasia-Zeichen für seine theoretischen
Erläuterungen zu nutzen.
Die heute so genannten Neumen sind dagegen sehr alte, lange vor Boethius
entstandene magische Zeichen, die aus dem Althebräischen abgeleitet wurden
und vermutlich zu einem vorderasiatischen Mysterienkult gehörten. Boethius
verwendete dieses bedeutungsgeladene Zeichensystem nicht etwa, um den
melodischen Duktus der Melodien wiederzugeben, sondern um eine außermusikalische
Bedeutung zu notieren. Die Neumen waren also ursprünglich weniger für
den praktischen Gebrauch bestimmt.
Von den verschiedenen Neumenfamilien ist es die uns überlieferte lothringische
(Metzer) Notation, die den originalen Zeichen am nächsten kommt. Dagegen
sind die heute bevorzugten St. Galler Neumen das spätere Ergebnis des
Versuches, die Neumenzeichen für die ausführenden Sänger praxisfreundlicher
zu gestalten.
Unter den Neumen gibt es besondere Zeichen, deren Bedeutung bis heute
nicht erkannt wurde. Dazu gehören z.B. der Strophicus und das Quilisma.
Sie beinhalten keine Vortragsangaben, wie angenommen wird. Der Strophicus
(Apostropha) kennzeichnet eine Auslassung und muss ersetzt werden durch
eine je nach Tonart feststehende kurze Melodieformel. Das Quilisma ist
ein Wiederholungszeichen, der davor notierte Melodieabschnitt wird ab
einem vorangegangenen Strophicus bzw. Quilisma (falls beides nicht vorhanden,
von Beginn der Melodie an) meist dreimal wiederholt. Diese Passagen verbergen
eine weitere Besonderheit: Man ging an diesen Stellen intensiv zum Obertongesang
über.
Ähnlich der Kirchentöne gehen auch die Tonbuchstaben, auf denen unser
heutiges System basiert, auf Boethius zurück. In seiner „De institutione
musica“ sind die Buchstaben zwar tatsächlich nur Markierungen der Streckenabschnitte,
Boethius hat aber später Buchstaben als Bezeichnung der Tonhöhen eingeführt.
Seine Tonleiter umfasste 19 Stufen, er verwendete dazu das lateinische
Alphabet, wobei ähnlich lautende Buchstaben als ein Buchstabe gezählt
wurden.
Bei den boethianischen Gesängen handelt es sich nicht um eine reine Vokaltradition.
Zwar stand der Gesang im Vordergrund, aber dazu erklang damals eine Instrumentalbegleitung
und wahrscheinlich ein Bordun. Dadurch dass die Gesänge zusammen von Männern,
Frauen und Kindern gesungen wurden, waren sie von vornherein reicher im
Klangspektrum. Boethius hat die Melodien in Laufe seiner Forschung immer
weiter auf Mehrstimmigkeit hin konzipiert. Der Zusammenklang bestimmter
Harmonien, wurde ein immer wichtigerer Faktor, dazu gehörte auch die Praxis
des Obertonsingens.
Die boethianischen Gesänge sind keine christlichen Gesänge im Sinne der
weströmischen Kirche gewesen. Boethius verwendete religiöse Offenbarungstexte,
die aber nicht der Bibel entstammten. Es war erst Papst Gregor der Große,
der den Gesängen neue, biblische Texte unterlegte und sie solchermaßen
für die römische Liturgie umarbeitete.
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