Gesellschaft für Gregorianik-Forschung



 

Diese Abbildung zeigt Boethius, dem in seiner Haft während des Verfassens der Consolatio die Philosophie erscheint. Wie man sieht, beschriftet Boethius eine Buchrolle. Wollte der Zeichner damit lediglich eine altertümelnde Darstellung schaffen oder ahnte er, dass Boethius wohl tatsächlich eine Buchrolle benutzte? (Madrid, B.N. 10109, fol. 2 r.°, 11./12. Jh.)

Anicius Manlius Torquatus Severinus Boethius

Boethius’ Biografie erfährt in unseren neuen Theorien eine grundlegende Revidierung. Er wurde 480 geboren und ist nicht 524 oder 526, sondern vermutlich kurz nach 546 gestorben. Boethius hat sich in Rom wahrscheinlich ab 515 intensiv seinen musikalischen Studien gewidmet, die so tief gingen, dass er 523/524 beschloss, sein bisheriges Leben aufzugeben und unter einer neuen Identität an einem neuen Ort ein neues Leben zu beginnen. Diesen Schritt vollzog er in Übereinstimmung mit König Theoderich und Papst Hormisdas bzw. Papst Johannes. Diese sorgten für eine entsprechende Rückendeckung, indem die Geschichte mit dem Hochverrat, dem Prozess und der Hinrichtung durch Theoderich in Umlauf gebracht wurde, denn sie waren sehr interessiert an Boethius’ Forschungsergebnissen. Ich gehe davon aus, dass Boethius sich zuletzt in Kampanien, in relativer Nähe zu Rom in einer Lebensgemeinschaft gewohnt hat, mit Menschen um sich, die teilweise ebenfalls Studien zu den Gesängen betrieben. Dazu zählten seine Frau Rusticiana, seine beiden Söhne sowie sein Schwiegervater Symmachus.

Im Laufe seiner langjährigen Forschung ist Boethius vermutlich mehrmals nach Byzanz gereist, wo er gute Beziehungen zu mehreren Personen hatte. Seine Studien wurden auch von Kaiser Justinian mit großem Interesse verfolgt. Die Wiedererrichtung der Hagia Sophia geht auf das Bestreben zurück, einen Raum zu schaffen, in dem die Gesänge optimal ihre Wirkung entfalten konnten. So lassen sich die Besonderheiten in den architektonischen Maßen und diverse Einzelheiten dieses sakralen Raumes erklären. Um sein Wissen zu vervollkommnen, ist Boethius auch nach Alexandria, dem Studienort seiner Jugendzeit gereist. Seine Forschungs-Reisen führten ihn auch nach Griechenland und vor allem über den vorderasiatischen Raum über Persien bis nach Indien.

537 kam Papst Vigilius an die Macht. Er muss Boethius und die Gruppe um ihn herum eine geraume Zeit mit Misstrauen beobachtet haben. Das, was dieser forschte und tat, passte nicht in sein päpstliches, christlich-dogmatisches Denken. So beschloss er, Boethius’ Forschung zu stoppen und diesen in kirchentreue Bahnen umzulenken. Als das nicht gelang, griff Papst Vigilius zu drastischen Maßnahmen und ließ Boethius, seine Familie und die Menschen um ihn herum etwa Herbst 546 gefangen nehmen.

Während seiner Haft wurde Boethius mehr der weniger gezwungen, eine Trostschrift zu verfassen, in der er eigenhändig die offizielle Geschichtsversion mit der Verurteilung durch Theoderich bestätigen sollte. Boethius hat diesen Befehl als Gelegenheit ergriffen, seinem letzten Werk „De consolatione philosophiae“ eine zweite geheime Lesart einzugeben, um somit die wahren geschichtlichen Begebenheiten sowie Hinweise zu den Gesängen der Nachwelt zu hinterlassen.

Letztendlich wurden Boethius und die ihm nahe stehenden Personen kurz nach 546 als Häretiker hingerichtet. Alle, die in engem Kontakt zu ihm standen, wurden verfolgt und ebenfalls getötet. Doch einigen wenigen ist es wohl gelungen, zu entkommen. Ein wichtiger Zweig weist nach Byzanz. Wir wissen von seiner Enkelin Rusticiana, die dort gelebt hat und später in Briefkontakt zu Papst Gregor dem Großen stand. In Byzanz – und vermutlich auch in anderen Zentren – sind die boethianischen Gesänge weiterhin in aller Stille praktiziert worden.

Nach den Ereignissen wurde Papst Vigilius von Kaiser Justinian zur Rechenschaft gezogen. Der Papst fiel in Ungnade und musste einige Jahre in Konstantinopel mehr oder weniger unter Haftbedingungen verbringen. Letztendlich kam er wieder frei, verstarb aber auf der Rückreise nach Rom. Sein langjähriger Stellvertreter und Nachfolger Pelagius sorgte dafür, dass die Geschichte um Boethius weiter verfälscht wurde. Zuvor war bereits alles, was es an Unterlagen und Aufzeichnungen über die Gesänge gab, die Instrumente und die verwendeten Gerätschaften eingezogen worden. Mit Hilfe von Bischof Maximian von Ravenna ließ Papst Pelagius die Version mit der Verurteilung und Hinrichtung zur Zeit des Theoderichs in mehreren Fassungen dokumentieren. Sämtliche Werke des Boethius verschwanden in Archiven und galten als geheime Verschlusssache.

Cassiodor verfertigte bald eine Abschrift der Consolatio, Boethius’ letztem Werk. Er nahm dabei bewusst Änderungen am Layout vor und vernichtete solchermaßen den Schlüssel zur Decodierung der Consolatio. Es war wohl die einzige Möglichkeit, dieses Werk zu kopieren und in dieser entschärften Fassung der Nachwelt zu erhalten.

Wenige Jahrzehnte nach Boethius’ Tod hat Papst Gregor die Gesänge aufgegriffen. Er selber forschte über Musik und fand einige seiner eigenen Erkenntnisse bestätigt. Ihm war klar, wie machtvoll die boethianischen Gesänge waren, und beschloss, sie in einer veränderten Version der Kirche zuzuführen. So wählte er diejenigen Meodien aus, die in sein eigenes Konzept passten und unterlegte diesen neue Texte aus der Bibel. Durch diese Bearbeitung der boethianischen Gesänge entstanden die gregorianischen Gesänge, die er in seinem legendären Antiphonar festhalten ließ.